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Naturschutz in Thailand – Fluch oder Segen?

Bei dem Gedanken an Thailand kommt den Meisten zuerst Full Moon Party und Tauchen in den Sinn. Aber: Thailand hat auch sehr viele Nationalparks, in denen man durch dichten Regenwald wandern und Elefanten bestaunen kann. Naturschutz wird allerdings in Thailand anders kontextualisiert als in Europa. Das hängt stark mit der Geschichte der Waldnutzung, lokalen Konflikten und internationalen Einflüssen zusammen.

Nationalparks in Thailand

Diesen Februar war ich für eine zweiwöchige Exkursion in Thailand. Dabei habe ich mich – wie ihr euch wahrscheinlich schon denken könnt – auf das Thema Wald spezialisiert.

Es gibt 125 Nationalparks in Thailand! In diesen Gebieten ist die Natur gesetzlich streng vor menschlichen Einflüssen geschützt. Außerdem gibt es seit 1989 ein Gesetz, welches das kommerzielle Holzfällen untersagt. Aus der europäischen Perspektive scheint Thailand in Sachen Umweltschutz sehr fortschrittlich zu sein. Allerdings spielen bei der Kontrolle und dem Schutz der Wälder noch andere Faktoren als der Erhalt der Natur eine Rolle.

Wald als ökonomische Ressource

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Thailand keine zentrale Instanz zur Verwaltung der Wälder. In dieser Zeit wurde, vor allem von britischen Unternehmen, unkontrolliert Holz gefällt. Holz wurde, nach Reis, zum wichtigsten Exportprodukt Thailands!

Erst 1896 wurde nach europäischem Vorbild das königliche Forstamt gegründet, hauptsächlich motiviert durch Aussicht auf eine Teilhabe an den Profiten der britischen Unternehmer. Der erste Chef des Forstamts – ein Brite – erklärte Holz zur wichtigsten Ressource, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes finanzieren und vorantreiben würde.

Durch die intensive wirtschaftliche Nutzung des Waldes wurde die Waldfläche Thailands, die noch 1960 die Hälfte des Landes bedeckte, bis 1995 auf wenig über 25 % reduziert.

Wald als schützenswerte Natur

Die geschichtliche Nutzung des Waldes als wirtschaftliche Ressource ist das krasse Gegenteil zu der aktuellen großflächigen Ausweisung von Schutzgebieten. Wie kam es zu diesem Wandel?

Seinen Ursprung hat das System der Nationalparks in den USA. Dort wurde bereits 1872 mit Yellowstone der erste Nationalpark gegründet. Die Idee von geschützten Gebieten, in denen die Wildnis erhalten werden sollte, wurde in Folge zuerst von westlichen Ländern kopiert und auch in die Programme von internationalen Organisationen aufgenommen.

Nach dem zweiten Weltkrieg unterstützen die USA Thailand dabei, ein Nationalparksystem zu errichten. Auch internationalen Organisationen wie der Food and Agricultural Organization (FAO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, der International Unit for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) rieten der thailändischen Regierung zur Implementierung eines Schutzgebietsystems und leisteten technische Unterstützung.

Aus der Perspektive der thailändischen Regierung und Mittelschicht wurden das Schutzgebietsystem zum Symbol westlicher Modernität. Das Besuchen von Nationalparks wurde für die thailändische Stadtbevölkerung zur schicken Freizeitbeschäftigung, bei der allerdings mehr das Event als das Lernen über oder Genießen der unberührten Natur im Vordergrund steht.

Umweltschutz um jeden Preis?

Ein Problem wird den Besuchern der Nationalparks häufig verschwiegen: Dass für deren Errichtung Menschen, die zufällig auf dem Gebiet eines geplanten Schutzgebiets leben, vertrieben und kriminalisiert werden.

Staatliche und urbane Eliten legen fest, auf welchem Gebiet ein Nationalpark entstehen soll und nehmen dabei keine Rücksicht auf lokal ansässige Gemeinden. Im Gegenteil: Die Dorfbewohner sollen gezielt vertrieben werden.

Seit vielen Jahren wird der Diskurs um Umweltschutz in Thailand so geführt, dass Dorfbewohnern kollektiv die Schuld an jeglichen Umweltproblemen zugeschrieben wird. So wird zum Beispiel von dem Großteil der Stadtbevölkerung angenommen, die landwirtschaftlichen Aktivitäten der Dorfbewohner in Nordthailand seien verantwortlich für den Wassermangel in Thailands Tiefländern.

Es gibt zwar auch soziale Gruppierungen und NGOs, die diesen Diskurs aufbrechen; das ändert jedoch nichts an der weiterhin bestehenden staatlichen Kriminalisierung und Vertreibung der in oder um Nationalparks lebenden lokalen Bevölkerung.

Mensch und Natur

Was an dem thailändischen Schutzgebietsystem zu kritisieren ist, ist die schablonenhafte Anwendung eines westlichen Modells auf gänzlich andere Gegebenheiten. Gleichzeitig mit der Übernahme der Idee des Nationalparks wurde der Natur eine neue Bedeutung zugeschrieben, die mit dem traditionellen Verständnis im Kontrast steht.

Natur wird in Thai mit „thammachat“ übersetzt, was soviel bedeutet wie: „things that occur according to forces of the universe such as human beings, animals, trees, etc“. Der Mensch wird diesem Verständnis nach als Teil eines Systems gegenseitiger Wechselbeziehungen gesehen.

Die strikte Trennung von Mensch und Natur dagegen ist eine eher moderne, westliche Idee. Genau darauf gründet das System der Nationalparks: Auf der Vorstellung, die Natur sei etwas Bedrohtes und deshalb vom Menschen zu beschützen, und zwar durch bestimmte, menschengemachte Verwaltungsmethoden.

Was ist das Fazit?

Dieser kleine Einblick in die thailändische Waldpolitik und die Entstehung der Nationalparks soll dazu aufrufen, scheinbar allgemein gültige Werte und Vorstellungen in anderen Kontexten zu hinterfragen. Generell ist natürlich nichts gegen das Errichten von Nationalparks einzuwenden, allerdings können dabei, wie das Beispiel Thailand zeigt, unerwartete Probleme entstehen.

Für die thailändische Dorfbevölkerung sind die Nationalparks ein Fluch, sie führen dazu, dass sie aus ihren angestammten Gebieten vertrieben werden und in vielen Fällen ihre Lebensgrundlage verlieren.

Diese Geschichte ist auch im Kontext immer wiederkehrender mysteriöser Waldbrände in Nordthailand zu beachten, wobei meist Dorfbewohner für die Umweltzerstörung verantwortlich gemacht werden.

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