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Ausflug in den Nationalpark Schwarzwald

Die letzten drei Tage habe ich im Nationalpark Schwarzwald verbracht. Der Nationalpark wurde 2014 gegründet und ist der erste Nationalpark in Baden-Württemberg. Hier könnt ihr nachlesen, ob sich ein Besuch lohnt, und welche Konflikte es um die Errichtung des Schutzgebietes gab und immer noch gibt.

Deutschland – immer einen Besuch wert

Mir fällt manchmal auf, dass ich vor lauter Träumen von Reisen in fremde und ferne Länder vergesse, Deutschland zu erkunden. Dabei haben wir so viel Natur und Kultur direkt vor der Haustür. Ich kenne zwar die meisten größeren Städte, aber ich muss sagen, dass ich außer im Harz, wo ich herkomme, noch nicht viel von der vielfältigen Natur gesehen habe. Obwohl es in Deutschland zwar keine unberührte Wildnis gibt, haben wir einzigartige Schutzgebiete und Biosphärereservate: Das Elbsandsteingebirge, die Eifel, der Bayerische Wald, der Thüringer Wald, die Mecklenburger Seenplatte, das Wattenmeer; und natürlich noch viele mehr.

Seit Oktober 2016 wohne ich in Freiburg, habe allerdings bisher nur den Wald direkt um Freiburg erkundet. Das sollte sich diese Woche ändern: Mit der Uni stand eine Exkursion in den Nationalpark Schwarzwald an. Schon auf dem Weg ins Schutzgebiet fühlte ich mich in eine ganz andere Zeit versetzt. Da arbeiteten Menschen gewissenhaft auf Erdbeerfeldern, Kinder spielten im Garten hinter großzügigen Fachwerkhäusern mit blumengeschmückten Balkonen, und Kühe und Pferde grasten auf den Weiden zwischen den Dörfern. Ich habe immer das Gefühl, dass die Uhren einfach langsamer ticken, sowie man aus der Stadt raus kommt und aufs Land fährt. Auch die Landschaft änderte sich: Die Erhebungen wurden höher, die Straßen enger und gewundener, und die Wälder dichter.

Ankunft im Nationalpark

Das Besucherzentrum des Nationalparks liegt auf dem Hohenstein in der Nähe der Gemeinde Seebach. Dort kamen wir am Montag morgen an, hörten zunächst eine Präsentation und betraten dann vom Hohenstein aus das Schutzgebiet. Nach einigen Wanderminuten gelangten wir zum Bannwald: Einem Gebiet, auf dem menschliche Eingriffe jeder Art verboten sind – und das schon seit über 100 Jahren.

Gemeinsam mit der Rangerin Julia stiegen wir von einer Anhöhe hinab zum „Wilden See“. Auf dem Weg verhielten wir uns bewusst ruhig und konnten so ganz ungestört das Vogelkonzert wahrnehmen. Mir fiel auf, wie selten man in Deutschland so ganz von Natur umgeben ist. In vielen Wäldern oder auf Wanderwegen ist die nächste Hauptstraße so nah, dass man noch das Brummen der Motoren in den Wald hinein hören kann.

Die Idee des Parks: Zurück in der Zeit

Die Idee des Bannwalds und nun des neu errichteten Nationalparks ist es, die natürlichen Wälder – so, wie sie vor menschlichen Eingriffen ausgesehen haben – wiederherzustellen. Das heißt, es geht nicht in erster Linie um den Schutz bestimmter Arten, sondern um den Schutz der natürlichen Prozesse des Ökosystems.

Das ist der Grund, warum sich dem Besucher des Bannwaldes ein ziemlich ungewöhnliches Waldbild bietet. In natürlichen Wäldern wird totes Holz logischerweise nicht abtransportiert. Deshalb ist das Bild des Bannwaldes von Totholz geprägt – was zwar für den Wanderer störend sein mag, aber für Tiere einen wichtigen Lebensraum darstellt und ein Teil des Ökosystems Wald ist.

Quelle: EUROPARC Deutschland

Natur in Deutschland

Tatsächlich gibt es in Deutschland aktuell keinen Primärwald, also keinen natürlichen Wald. Der Bannwald wurde zwar seit über hundert Jahren nicht mehr bewirtschaftet; jedoch sind immer noch deutlich die Folgen vorheriger menschlicher Nutzung sichtbar. Die Baumarten, die im Schwarzwald natürlicherweise am häufigsten vorkommen, sind Tanne, Buche und wenig Fichte. Allerdings wurde in der Vergangenheit im Schwarzwald wie auch in den meisten anderen Wäldern Deutschlands zusätzlich Fichte angepflanzt, um den Bestand zu vergrößern. Warum? Fichte ist ein schnell wachsender Baum, der geringe Standortansprüche stellt und gut industriell verarbeitet werden kann.

Auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks wurde praktisch von heute auf morgen die Bewirtschaftung eingestellt. Das bedeutet, dass das Gebiet immer noch von Fichten dominiert wird – das ist eigentlich kein natürlicher Zustand für den Schwarzwald. Da die Fichte widerstandsfähig ist, setzt sie sich ohne menschliche Eingriffe allerdings auch in Zukunft gegenüber Fichte und Buche durch. Für den Nationalpark heißt das, dass darin zwar ökologische Prozesse geschützt werden – allerdings nicht diejenigen, die für die Region typisch sind.

Kritik am „Naturschutz“

Dies ist ein Grund für heftige Kritik gegen den Nationalpark, die hauptsächlich von Seiten der lokal ansässigen Bevölkerung kam. Weiterhin befürchten regionale Forstwirte, dass der Park die Holzpreise noch weiter drücken könnte. Das würde im Fall einer Borkenkäfer-Attacke im Park passieren – ein Szenario, das ziemlich wahrscheinlich ist. Borkenkäfer können zwar in bewirtschafteten Wäldern weitgehend unter Kontrolle gebracht werden; in einem Wald, der sich selbst überlassen ist, ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis eine Borkenkäfer-Plage ausbricht. Der Borkenkäfer bohrt sich in die Rinde des Baums und legt dort seine Larven, die sich wiederum vom Gewebe des Baumes, dessen „Lebensadern“ ernähren. So tötet er den Baum. Vermehren sich diese Schädlinge ungestört, sorgen sie für massives Baumsterben.

Sollte dies im Nationalpark geschehen, ist die Frage, wie mit dem toten Holz umgegangen würde. In der Kernzone, die 25% des Gebiets ausmacht, müsste das Holz liegen bleiben. Die restlichen 75% sind Entwicklungszone, in der das Holz abtransportiert werden dürfte. Sollte das geschehen, würde das plötzliche Überangebot an Holz den Preis auf dem Holzmarkt deutlich senken und somit private Waldbesitzer in eine finanziell problematische Lage bringen.

Fazit: Einen Besuch wert?

Ich empfehle jedem einen Besuch im Nationalpark Schwarzwald – allerdings hauptsächlich nicht wegen der Wanderwege, sondern wegen der interessanten, damit verbunden Geschichte, die ich in diesem Artikel angerissen habe. Der Nationalpark wurde vor seiner Entstehung hart umkämpft und wird auch heute noch diskutiert. Ich finde es spannend, den Standpunkt beider Seiten nachzuvollziehen und dafür ist es am Besten, sich vor Ort persönlich ein Bild zu machen.

Wandern kann man im Nationalpark natürlich auch. Vor allem der Weg zum Wilden See ist zu empfehlen. Zelten ist direkt am See nicht erlaubt, dafür aber ein wenig entfernt in der Entwicklungszone. Mit ein bisschen Glück entdecken Camper, die früh aufstehen, sogar den Auerhahn – das Aushängeschild des Nationalparks -, der in den Morgenstunden gerne durch den Wald spaziert.

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